Interior

Japandi – das Ende des unterkühlten Minimalismus

27. September 2017
Japandi Materialien

Ein neuer Interior-Trend zeichnet sich ab. Japandi, ein Kofferwort aus „Japan“ und „Scandi“, wobei letzteres den nicht enden wollenden Trend der letzten 5 Jahre bezeichnet: Weiß, relativ texturlos, geometrische Formen, hier und da mal etwas Buntes, was man mit dem Wohn-Stil der Skandinavier assoziiert. Nun scheint sich die Interior-Branche endlich satt gesehen zu haben und dreht die Idee eines minimalistischen Lebensstils weiter.

Der Japandi-Stil wirkt dabei wie die erwachsene Schwester des verspielt-naiven Scandi-Stils. Die Farben sind ruhiger, auch mit Weiß wird (glücklicherweise) gespart. Neontöne sucht man vergeblich. Nicht, dass ich etwas gegen Neonfarben hätte. Aber in der Menge, in der ich in sozialen Netzwerken damit konfrontiert wurde, macht das irgendwann keinen Spaß mehr.

Stattdessen gibt es desatturierte Naturtöne und hier und da mal etwas Dramatik durch kräftigere Farbakzente in Blau, Dunkelgrau, Schwarz oder Smaragdgrün. Was diesen Interior-Stil allerdings so sympathisch macht, sind nicht unbedingt die Farben, die der Scandi-Stil durchgespielt hat, sondern die Texturen.

Japandi: Alle Zeichen stehen auf Textur

Der schwedische Möbelriese verarbeitet den Japandi-Stil in seiner Stockholm-Kollektion und legt dazu Rattan neu auf. Andere Hersteller zeigen Keramik mit organischen Formen oder unregelmäßigen Glasuren. Das Besondere ist, dass sich darin nach all dem hochstilisierten Scandi-Minimalismus-Pop nun die Rückbesinnung zur Natur und die Konzentration auf das Wesentliche ausdrückt.

Leinen, Rattan, Holz, alle diese Materialien mit ihren porösen, matten Oberflächen rücken die Haptik in den Fokus. Das lässt sich natürlich schwerer darstellen als der überproportional vertretene Schwarz-Weiß-Möchtegern-Minimalismus wie es in auf Instagram zu Hauf gibt. Vermutlich lässt daher auch der Trend-Hype noch auf sich warten.

Im Japandi-Stil manifestiert sich der Gegenentwurf zur immer schneller werdenden Welt. Meine japanische Mitbewohnerin hat einmal Folgendes zu mir gesagt:

Everything that comes from old is good. Everything that comes from new is not so good.

Schöner hätte man den Retro-Wunsch der letzten Jahre, mit dem auch eine gewisse Verklärtheit einhergeht, nicht ausdrücken können.

Japandi: Neu oder retro?

Japan, Japan, da war doch was? Ach ja, in den 1990er Jahren gab es schon mal einen Asien-Hype. Allerdings konzentrierte dieser sich eher auf China, bedingt durch die stärkere wirtschaftliche Bedeutung. Kaum ein roter Teppich, auf dem sich nicht Drachenmotive oder Suzie-Wong-Kleider finden ließen. Wer erinnert sich noch an die zahlreichen Tattoowierungen einzelner chinesischer Schriftzeichen?

Wie in der Mode scheint sich auch im Interior-Design alle 20 Jahre ein Trend zu wiederholen. Jetzt ist eben Japan dran. Ganz so streng und kitschbeladen wie in den 90ern wird es aber wohl nicht. Der Japandi-Stil zeigt eine authentischere Seite des japanischen Wohn- und Lebensgefühls.

„Ma“- der Raum zwischen den Dingen

Der Grund, weshalb ich mich in diesem Artikel so kritisch zum vergangenen Scandi-Interior-Trend äußere ist, dass es sich dabei nicht wirklich um Minimalismus handelt, denn mit diesem geht auch eine Abneigung gegen den Über-Konsum unserer westlichen Gesellschaft einher.

Dieser Pop-Minimalismus oder Minimalismus light konzentriert sich auf lediglich bestimmte Farbkombinationen, was beim Schwarz/Weiß-Minimalismus zufälligerweise sehr instagramtauglich ist.

Beim Japandi-Stil kommt aber noch eine weitere Komponente des Weglassens hinzu: die Gestaltung des Raums zwischen den Dingen.

Was hat Japandi mit Minimalismus zu tun?

In Japan gibt es einige für uns Europäer ungewohnte Ausdrücke von Ästhetik, die Bekanntest ist wohl Wabi-Sabi. Bei Wabi-Sabi geht es um die Wertschätzung eines Objektes und seinen Gebrauchspuren, die im Laufe der Zeit entstanden sind.

Dann gibt es da noch das Prinzip „Ma“. Ma meint den Raum zwischen den Dingen, der im Japanischen eben nicht wie bei uns als negative Leere wahrgenommen wird. In diesem Blogartikel wird Ma sehr gut erklärt, nämlich als Gestaltungsmöglichkeit.

Ma und der europäische Weißraum

Ganz fremd ist uns Europäern diese Art zu denken übrigens nicht. In der Typographie bezeichnet der Weißraum die druckfreien Stellen auf einer Seite, die es mitzugestalten gilt. Synonym wird auch das Wort Freiraum verwendet, wo wir dann wieder bei der Gestaltungsmöglichkeit des Ma wären.

Minimalismus möchte frei machen und Raum für Ma, die positive Leere, schaffen. Dieser Wunsch übertragen auf dem Japandi-Stil drückt sich durch die weiter oben erwähnte Reduktion auf Wesentliches und die bewusste Wahl von Objekten aus.

Zum Japandi-Stil und seiner Rückbesinnung zur Natur gehören auch Grünpflanzen. Wenn Du Inspiration brauchst, dann lies hier meinen Artikel über das Einblatt oder meine Anleitung, wie man eine Sukkulentschale macht. Beide passen hervorragend zum Japandi-Stil.

Bis nächsten Mittwoch,

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