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Dödstädning und Magic Cleaning: Was ist dran an den Minimalismus-Trends? Teil 1

19. November 2017

Eins vorweg: Das hier ist ein so langer Artikel geworden, dass ich ihn in aufgeteilt habe. Im ersten Teil geht es grundsätzlich um das Thema Minimalismus und meine Kritik an dem, was ich im WWW so sehe. Im nächsten Teil geht es um eine bestimmte Form der Kram-Vermeidung, die bisher wenig besprochen wird.

Seit etwa 2 Jahren beobachte ich einen Trend im Web 2.0. Die Symptome drücken sich in Blogeinträgen und Vlogs über Minimalismus aus. Capsule Wardrobe, How to-Videos, Infografiken, wie man mit weniger auskommt als bisher.

Wobei es keinen Anlass von außen gibt, sich einzuschränken. Manchmal gibt es Querverbindungen zum Thema Nachhaltigkeit, aber manchmal eben auch nicht, und dann erscheint es nur als modischer Gag.

Aber auch wenn es sich dabei gar nicht um echten Minimalismus handelt, so finde ich die Adaption der Idee des Verzichts wirklich bemerkenswert, weil dieses Thema Eingang in die Massenmedien gefunden hat. In den sozialen Netzwerken ließ sich dieses Phänomen etwa auch durch anhaltende Trends wie dem Scandi-Stil ausmachen, der von viel Weiß und harten Kontrasten dominiert wurde. Das Zuhause in Weiß mit hier und da ein paar schwarzen Akzenten einzurichten, ist eine Art, sich einzuschränken und die Sinne zu entlasten.

Sein Zuhause aber so einzurichten, dass man dort eben nur ausgesuchten Tätigkeiten nachgehen kann, ist eine andere Sache. Minimalismus ist immer auch mit einer Abwehrhaltung verbunden. Die Frage ist nur, wogegen man sich hier wehrt. Ist man wirklich freier, wenn man auf nackte Wände blickt?

Minimalismus heißt nicht wegschmeißen, was zu viel ist. Das wird in vielen Beiträgen im Netz nämlich gerne suggeriert. Minimalismus heißt, sich auf Dauer einschränken. Wenn Du 20 Rollen Geschenkpapier hast – was eindeutig zu viel ist, außer Du bist Mitglied einer schenkfreudigen Großfamilie – dann behalte das Papier und kaufe erst wieder welches, wenn Du es aufgebraucht hast. Es wegzuwerfen, macht den Müllberg, in den wir unseren Lebensraum verwandeln, nicht kleiner.

Warum freiwillig einschränken?

Wir leben in einer von schnellen Medien geprägten und uns unzähligen Möglichkeiten vorgaukelnden Welt. Was es braucht und was die derzeit Heranwachsenden als Fähigkeit im Umgang bereits herausbilden, ist die Fähigkeit zu kuratieren. Apps wie Instagram bringen ihnen diese Fähigkeit bei. Man kann Instagram auch auf narzisstische Selbstdarstellung runterbrechen, was aber sehr einseitig ist.

Viele sind überfordert mit der heutigen Welt. Einige kündigen ihre Profile in sozialen Netzwerken auf, andere machen vorübergehend ein „digital detox“. Andere, wie ich, verzichten mehr oder weniger freiwillig auf zusätzliche Endgeräte. Für mehr als 5 Jahre hatte ich kein Handy. Gar keins, kein Smartphone und auch kein uraltes Nokia, mit dem nur SMS senden kann. Ich war handyfrei. Ich fand es toll, eben nur erreichbar zu sein, wenn ich es wirklich wollte. Wer mit mir sprechen wollte, der musste ganz altmodisch anrufen oder weniger altmodisch per Mail einen Termin ausmachen. Geändert habe ich diese Lebensart nur, weil ich während des Studiums in einem Modul saß, in dem es um UX-Design ging und ich mit Apps keine Erfahrung hatte. Also war damit meine handyfreie Zeit vorbei.

Verzicht als Lösung für eine komplexer werdende Welt

Ich stelle mich nicht in eine Reihe mit denen, die sagen, dass diese Welt immer komplexer wird und unsere Überforderung daher rührt. Unsere Welt war schon immer komplex, aber durch die Digitalisierung sehen wir das und geben gleich noch etwas Amphetamine hinzu durch sich ständig ändernde Spielregeln (z.B.: Algorithmen).

Im Verzicht drückt sich der Wunsch aus, der Überfülle an den nun präsenten Optionen Herr zu werden. Sei es die Fülle an Informationen oder Produkten, der jungen Generation scheint dieses Konzept einen Leitfaden an die Hand zu geben, womit sie sich in dieser überfüllten Welt zurecht finden soll.

Es ist ja nicht wirklich so, dass wir zu viel haben. Das Problem ist, dass wir zu viel Schrott haben. Und gegen diesen Schrott helfen nur 2 Dinge: Langfristig den Konsum einschränken und sich kurzfristig vom Unnötigen trennen. Wobei auch kritisch angemerkt werden muss, dass es natürlich kokett erscheint, wenn unter 30-jährige Influencer darüber berichten, wie sie bestimmte Dinge nicht mehr kaufen. Um zuerst einmal in dieses Situation zu geraten setzt voraus, sich in einem gewissen finanziellen Rahmen zu bewegen, der es erlaubt, so viel anzuhäufen. Es handelt sich also um ein Luxusproblem.

Magisches Aufräumen und Reinigen für den Tod

Zwei Autorinnen haben sich damit ausführlich befasst, wie man die Dinge bewertet und organisiert. Marie Kondo aus Japan (The life changing magic of cleaning) und Margarete Magnusson aus Schweden (Dödstädning). Erstere hilft dabei, Liebenswertes und Nützliches vom Unnützen zu unterscheiden und sich zu trennen, und zwar freundschaftlich. Letztere beschreibt eine Art Ritual aus Schweden. Menschen über 50 ziehen eine Bilanz ihrer Dinge und trennen sich davon, was sie ihrer Nachkommenschaft nicht hinterlassen wollen. Es steht also gar nicht der eigene Nutzen im Vordergrund wie bei Kondo, sondern der Gedanke ans eigene Vermächtnis und wie die Kinder und Enkel damit umzugehen haben.

Ein positiver Aspekt dieses , ich nenne ihn mal „Minimalismus light“, ist, dass durch Verzicht Freiraum geschaffen wird, den wir früher mit Kreativität füllen mussten, eben weil es nicht das gab, was wir wollten. Aber brauchen wir dafür wirklich Bücher (die man sich ja neu anschaffen muss), um zu lernen, wie man sinnvoll einkauft? Die muss man ja dann auch managen. Ein anderes Format, welches z.B. papierlos daher kommt, wäre sinnvoller gewesen.

Wir gehen zu viele Kompromisse ein

Eines muss man den Büchern von Magnusson und Condo lassen: Sie beschreiben ein Lebengefühl einer sehr jungen Generation, die in einer materiellen Fülle aufgewachsen ist, der es häufig an Qualität mangelt und die deshalb einen Ausweg sucht und einen gar nicht mal so schlechten findet, wenn man es schafft, dauerhaft den Konsum minderwertiger Güter zu umgehen. Das ist aus meiner Sicht ein Schlüsselfaktor beim Management von beweglichem Eigentum.

Im nächsten Teil erfährst Du, was ich tue, um meinen Konsum besser zu managen und welcher Kram sich bisher noch ungeachtet vor sich hinvermehrt und dringend einer Lösung bedarf.

Bis nächsten Mittwoch,

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