Lifestyle Minimalismus

Minimalismus: Schlechtes Image dank gruseliger Buchtitel

Manche Buchtitel über Minimalismus und Organisation sind so unglücklich gewählt, dass es nicht überrascht, wenn manche Menschen mit Abneigung reagieren. Aber muss man denn Minimalismus-Bücher so schlecht übersetzen, oder geht es nicht auch besser?

Minimalismus scheidet die Geister. Die einen räumen voller Begeisterung ihre Wohnung aus, während andere sich im Traum nicht vorstellen können, auch nur ein Objekt aufzugeben. Bei meiner ausführlichen Internetrecherche stelle ich zunehmend fest, dass es geographische Unterschiede gibt. Nicht nur, dass geschriebene Beiträge und Podcasts aus dem angloamerikanischen Raum interessanter sind. Auch die Minimalismus-Literatur scheint in Deutschland irgendwie eine andere Zielgruppe anzusprechen. Das zeigt sich in den ziemlich fragwürdig ausgewählten deutschen Titeln internationaler Bucherfolge mit Millionenauflage.

Marie Kondo oder falsche Freunde

Da wären zum Beispiel die globalen Besteller von Marie Kondo. Im Original „The life chaging magic of tidying up“ und „Spark joy“. Sehr unglücklich übersetzt mit „Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen ihr Leben verändert“ – nachträglich übersetzt mit „Magic Cleaning: Wie Sie sich von Ballast befreien und glücklich werden“ – und „Das Große Magic Cleaning Buch – Über das Glück des Aufräumens“, bzw. nachträglich übersetzt mit „Magic Cleaning: Wie Wohnung und Seele aufgeräumt bleiben“. Beides wirklich schlecht gewählte Titel, wie ich finde. Entweder war der Übersetzer echt gelangweilt, oder der Verlag ist so verkrustet in seinen Strukturen, dass es einfach nicht möglich war, eine bessere Übersetzung durchzuboxen. Außerdem traue ich den deutschen Lesern absolut zu, dass sie „Spark joy“ aussprechen können. Daran erkennt man aber, dass deutsche Verlage ihre Leser für ein bißchen zu dumm dafür halten und ihnen solche komplexen Titel nicht zumuten. Das alles wäre nicht so schlimm, hätte man doch etwas mehr dem Sinn nach übersetzt. Nach Kondo wird aussortiert, was bleiben darf, was sie mit „spark joy“ beschreibt. Diese Reaktion kann im Körper erspürt werden, was sie auch deutlich beschreibt. Das im Deutschen verwendete „Glücksgefühl“ ist zu abstrakt, wie ich einschlägigen Diskussionen in KonMari-Foren entnehmen konnte. Freude und Glück sind eben nicht dasselbe, setzen, 6!

Was mich am meisten daran stört ist, dass hier ein false friend Einzug gehalten hat. „To clean“ heißt im Englischen nämlich säubern, und „to tidy“ heißt aufräumen. Und da besteht ein großer Unterschied. Denn bei Kondo geht es nicht darum, den Putzlappen zu schwingen. Es geht um eine zutiefst persönliche Inventur der Dinge. Mit Saubermachen hat das überhaupt nichts zu tun. Deshalb habe ich mir die Hörbücher auf Englisch besorgt und werde niemals die deutschen Übersetzungen lesen. Nicht, dass von der Übersetzung vom Japanischen ins Englische keine Verfälschung statt gefunden hätte. Aber was der deutsche Verlag da angerichtet hat, ist wirklich eine Zumutung.

Magische Aufräum-Esoterik

Denn der Titel suggeriert etwas, was nicht da ist: Esoterik. Das mag manch einem Leser der Kondo-Bücher komisch erscheinen, denn immerhin spricht sie ja davon, dass man in Dialog treten soll mit seinen Besitztümern. Allerdings darf man nicht vergessen, dass Japan sich kulturell stark von Westeuropa unterscheidet. Da gibt es beispielsweise den Glauben, dass Dinge animiert und zu einem bestimmten Zweck ins eigene Leben getreten sind. Ist dieser Zweck erfüllt, darf es gehen. Man darf sich sogar verabschieden, muss aber nicht. Für mich zählt das eher zum Bereich der praktisch angewandten Psychologie, und weniger zu geisterbeschwörenden Eso-Praktiken. Mit dem Titel wird somit eine große Zielgruppe von vorne herein abgeschreckt. Mit dem ultrahässlichen Cover übrigens auch. Ist wohl zu viel verlangt, als Leser der deutschen Ausgabe auch etwas Schönes vorne drauf geboten zu kommen. Nehmen wir mal lieber das abgedroschene Stock-Bild, damit sind wir auf der sicheren Seite. Am besten noch mit einem klischeehaften Buddah, dann weiß jeder sofort, dass wir in Asien sind. Ästhetik und Deutschland, das geht einfach nicht zusammen.

Fun Fact: Die niederländische Ausgabe von „Spark joy“ heißt: „Spark joy“!

Deutsche Verlage: Zwischen Ausgelassenheit und Todesangst

Margarete Magnusssons „Dödstädning“ hat eine ganz ähnliche Verunglimpfung erfahren. Aus „Dödstädning“ (= schwedisch für „Aufräumen für den Tod“) wurde „Die Kunst, die Dinge des Lebens zu ordnen“. Wir Deutschen haben anscheinend ganz große Probleme mit unbekannten Worten, aber viel zu lange Titel können wir uns ganz prima merken. Auch sollte das Wort „Tod“ nicht im Titel erscheinen, viel zu viel für die zartfühlige deutsche Leserschaft. Da verdrängen wir lieber noch die Tatsache, dass alles auf dieser Welt endlich ist und widmen uns noch mal einer Runde magischen Putzens.

Ganz furchtbar ist auch die Übersetzung von Ryan Nicodemus` „Minimalism: Live a meaningful life“ in „Minimalismus: Der neue Leicht-Sinn“. Na, da war der Übersetzer ja mal ganz kreativ und hat ein feinsinniges Wortspiel eingesetzt, wo vorher keines war. An diesem Beispiel zeigt sich, wie wenig ernst das Thema genommen wird. Dabei wurden in den vergangenen 2 Jahren unzählige Bücher deutschsprachiger Autoren auf den Markt gespült. Mit furchtbar generischen Titeln. Es ist mir schleierhaft, wer diesen Kram lesen soll.

Auf Wiedersehen, Dinge

Den Vogel abgeschossen hat aber meiner Meinung nach die Übersetzung von Fumio Sasakis Bestseller „Goodbye, Things“. Auf Deutsch „Das kann doch weg: Das befreiende Gefühl mit weniger zu leben. 55 Tipps für einen minimalistischen Lebensstil“. Der  knappe Original-Titel hat direkt mal 2 störende Verlängerungen bekommen. Und dann geht es in der deutschen Fassung um Tipps. Tipps, ja, Tipps finden wir ganz toll. Dass Sasaki da einen unnachahmlichen Seelenstriptease hinlegt, wird dabei völlig vergessen. Aber Tipps, das klingt schon nach einem pfiffigen Hausfrauen-Ratschlag. Altbackener geht es wohl kaum noch. Und noch weiter vom Sinn weg übersetzt ging es wohl auch nicht. Der deutsche Titel ist für mittelalte Hausfrauen gemacht, die ihre Ordnung perfektionieren wollen. Sollen Sie ruhig, dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, weder gegen das Hausfrauendasein noch gegen das Streben nach Ordnung im Haus. Das Original richtet sich aber an eine ganz anderen Zielgruppe: An imageorientierte Perfomer, wie Sasaki es selbst einmal gewesen ist, die wie er eine Krise durchleben und danach gestärkt aus ihr hervorgehen. Ich glaube kaum,dass die Lust haben, Tipps über das Aufräumen zu lesen. Auch finde ich, dass der Original-Titel in gewisser Weise poetisch klingt. Ist das hier nicht das Land der Dichter und so weiter? #epicmarketingfail

Daran zeigt sich, dass in Deutschland das Thema 2 Bevölkerungsgruppen anspricht: pragmatisch-adaptive Frauen und jüngere Millennialls/Generation Z, deren Meinungsführer in den sozialen Medien aktiv sind. Wie sonst käme diese Flut an Beiträgen da zustande? Das deutsche Verlagswesen ignoriert letztere aber gekonnt. Deshalb haben sich Kondos Bücher in Italien auch besser verkauft, dabei leben dort „nur“ 60 Mio. Menschen.

Bei dieser suboptimalen Übersetzungsarbeit ist es wahrlich kein Wunder, dass die Verlagsbranche über eine langanhaltende Krise jammert. Dabei läuft das Geschäft mit Print gar nicht mal so schlecht, die Umsätze halten sich konstant. Wenn man jetzt noch die Titel und Cover-Gestaltung auf ein zeitgemäßes Niveau brächte, würden wir vielleicht ein kleines Branchenwunder erleben wie unsere Nachbarn in den USA.

Bis nächsten Mittwoch,

 

 

 

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