Lifestyle

Blogger-Blind Date: The Temptations – Papa was a Rolling Stone

Was kommt dabei heraus, wenn sich 17 BloggerInnen zu einem festlegten Song Gedanken machen und die entstandenen Beiträge zeitgleich ins Internet stellen? Unter dem Motto „Papa was a Rolling Stone“ hat jede/r von uns einen Beitrag zu dem gleichnamigen Song von The Temptations geschrieben.

Wir wissen nicht, was die Anderen geschrieben haben, es gab keine inhaltliche Abstimmung und wir sind sehr gespannt auf das Ergebnis!

Mit dabei sind:

Gartenbaukunst, BeetkulturDer kleine Horrorgarten, Stadtfarm (Blog), Cardamonchai, Rienmakäfer, Garteneuphorie, Garteninspektor, Laubenhausmädchen, Naturgartenideen, Buddenbohm & Söhne, Ein Stück Arbeit, Herwoodenheart (Instagram), Kistengrün, WirGartenkinder, Wohnungsgartenund Berlingarten.  

Viel Spaß beim Lesen!

Blogger-Kollege Björn hat mal wieder alle zusammen getrommelt und organisiert, was freue ich mich, auch beim diesmaligen Blogger-Blind-Date dabei zu sein.

Das erste Mal habe ich diesen Song in den 1990er Jahren gehört, in der Version von Heidi Klums Ex-Mann Seal. Dass es sich um eine Cover-Version handelte, interessierte mein damaliges Teenager-Ich nicht im Geringsten. Mir gefiel die Bassline, die Streicher, die alle paar Takte ein paar Akkorde zusteuern und das dynamische Klatschen, das irgendwie an Gospel-Chöre erinnert.

Der Text ist wirklich sehr melancholisch. Ein Junge fragt seine Mutter nach der Identität seines Vaters. Dabei schämt sie sich, denn dieser war wenig alltagstauglich, hat gelogen und betrogen und ein Doppelleben geführt. Kein besonders gutes Vorbild für den Heranwachsenden. Besonders nicht, wenn dieses Thema mit so viel Scham behandelt wird.

Es waren die 1970er Jahre. Die Welt ist geprägt von Umbrüchen und Krisen. Aber wann war sie das nicht? Während 1971 hierzulande Willy Brandt auf die Knie fällt und dafür einen Friedensnobelpreis erhält, tobt in Vietnam noch ein Krieg, der erst 1975 sein Ende finde soll. Vielleicht war der Vater ja ein Kriegsveteran und aufgrund dessen nicht mehr fähig, seinen Alltag zu bestreiten, wer weiß. Die Ölkrise bahnt sich an und Richard Nixon tritt 1974 aufgrund der Watergate-Affäre zurück.  Dieser auf Regierungsmacht basierende Vertrauensbruch zieht sich thematisch auch durch den Deutschen Herbst (1977). Kurzum: In den 1970er Jahren war ganz schön was los, von wegen heile ABBA-Disco-Glitzerwelt. Die 1970er Jahre sind geschichtlich gesehen mein Lieblingsjahrzehnt, eben weil alles so in Aufruhr war und weil mich vor allem der deutsche Links-Terrorismus interessiert. Das hat nur mit dem Lied auf den ersten Blick nichts zu tun. Oder etwa doch?

Könnte die globale Identitätskrise sich in einem Soul-Funk-Song ausdrücken? Sie kann, das ist meine Hypothese. Man kann immer an den Kunstrichtungen eines Jahrzehnts ablesen, wie es um die Welt steht. Finanzkrise 2008? Die Modehäuser holen so richtig aus und entwerfen die luxuriösesten Kollektion ever (Kleidung ist immerhin günstiger als Immobilien). Momentan geistern Rammstein durch die Charts mit ihrem Statement zur Lage der Nation und Capital Bra zeigt eindeutig, wie wenig es braucht, um zu unterhalten und reich zu werden.

Die Bürgerrechtsbewegung lag 1972, dem Entstehungsjahr des Songs, ja noch gar nicht weit zurück, und fertig ist ihre Arbeit auch noch nicht, das zeigen die heutigen Debatten um Diversität und White Privileg. Besonders auffällig ist, dass im Video zum Song ausschließlich Afroamerikaner zu sehen sind. Die Rassentrennung ist also alles andere als überwunden.

Ich fasse das Lied so auf, dass das lyrische Ich eine Identitätskrise erlebt und dabei keine oder nur unzureichende Unterstützung erfährt. Was es bräuchte, wären vollständige Informationen und ein starkes Rollenvorbild. Klingelt da was? Ach ja, das fehlt heutigen jungen Männern ja auch. Weil die Weltwirtschaftskrise sie in finanzielle Not gebracht hat. Weil sie nicht mitkommen mit der fortschreitenden, aber immer unzureichend umgesetzten Gleichberechtigung von Frauen und sich dann eben Idioten wie Capital Bra als Vorbilder suchen. Oder sie geben Trump ihre Stimme. Oder Erdogan. Oder Orban. Oder den Brexit-Befürwortern. Oder der AfD, eigentlich egal, wo man hinsieht, überall nur Orientierungslosigkeit.

So kann es kommen, wenn die Gesellschaft nicht das abfängt, was das Individuum nicht erreicht hat. Deshalb ist dieser Song für mich alles andere als persönlich, er ist politisch. Er stellt kein Einzelschicksal dar. Es fasst in Worte, was eine ganze Generation fühlte und anders nicht ausdrücken konnte.

Lies hier meine anderen Blogger-Blind-Dates nach.

Bis nächsten Mittwoch