Wabi Sabi, KonMari, Japandi – Asien ist hoch im Kurs, wenn es um die richtige Lebensführung geht. Was vor über einem Jahr mit meinem Minimalismus-Experiment „Das große Aufräumen“ begann und mich zu zuckerfreier Ernährung führte, bringt mich jetzt zu einer der ganz großen Lebensfragen: Wofür stehe ich morgens eigentlich auf? Eine Anleitung für alle, die in vier einfachen Schritten den Sinn ihres Lebens finden möchten.

Da ich nicht an Disziplin und diesen ganzen Motivationskram glaube, mit dem uns das Internet täglich umspült, probiere ich eine japanische Methode aus, die sich Ikigai nennt. Ikigai bedeute so viel wie: Wofür es sich zu leben lohnt. Das ist schon mal ein ganz anderer Ansatz, als der, der in der westlichen Welt vorrangig gelebt wird: egozentrisch, verschwenderisch, respektlos. Wessen Werte sich nicht in der täglichen Tätigkeit wiederfinden, dem wird es schwer fallen, sich zu motivieren.

Auf das Thema Motivation gehe ich nochmals explizit ein, nachdem ich die Ikigia-Methode erklärt habe. Meine Gedanken dazu findest du weiter unten im Artikel.

Was haben Ikigai und Minimalismus gemeinsam?

Die meisten räumen auf und trennen sich von Dingen, um weniger Arbeit zu haben und sich emotional ruhig zu fühlen. Doch kommt man nicht darum herum zu fragen, warum man eigentlich soviel Zeug angesammelt hat und wie  man vor allem zukünftig konsumieren möchte. Ähnlich fragt man sich auch im Ikigai, was einem wichtig ist und wie man dies zukünftig im täglich Tun verwirklichen möchte. Minimalismus und Ikigai passen also insofern hervorragend zusammen, weil man bei beiden Methoden individuell Bilanz zieht und die eigenen Wünsche in Einklang mit der Welt bringt.

Ikigai: So gehst du richtig vor

Ikigai besteht auf vier leichten Schritten. Jeder Schritt beinhaltet das Beantworten einer Frage, die in Unterfragen präzisiert werden kann. Lass dir Zeit, um deine Fragen zu beantworten. Manche Fragen lassen sich besser beantworten, wenn du jemanden um Input bittest. Plane also für deinen persönlichen Ikigai-Prozess ein paar Tage ein.

Ikigai Schritt #1: Was ich mag

Fangen wir mit dem Einfachen an:

  • Womit beschäftige ich mich gerne?
  • Was habe ich als Kind gerne getan?
  • Was habe ich in meiner Jugend gerne getan?
  • Was tue ich heute als Erwachsener gerne?

Vorlieben und Interessen ändern sich. Als Kind wollte ich Modedesignerin werden, als Jugendliche habe ich Mode als Rebellion entdeckt und mich dann an der Kunsthochschule beworben. Während es Mode-Studiums wuchs meine Enttäuschung über die Branche ins Unermesslich. Um mich herum nur Künstler oder Shopping Queens, aber keiner, der die Modewelt grundlegend revolutionieren wollte. Ich fühlte mich wie in einem Elfenbeinturm ohne jegliches Feedback von der echten Welt, in der so schreckliche Dinge wie Rana Plaza passierten.

Damit war nach dem Studium klar: Ich werde keine Designkarriere anstreben. Und doch ist Mode geblieben, in meiner langjährigen Tätigkeit als Stylistin, meinem Bedürfnis nach Ästhetik, meinen selbstentworfenen Kleidungsstücken und überhaupt dem Wunsch, sich ausdrucksstark zu kleiden. Nur interessiert es mich nicht mehr, welcher Designer was gerade entwirft. Der Markt ist zu übersättigt und die Probleme, welche die Modebranche erzeugt, sind zu groß, als dass man sie mit dem eigenen Wunsch nach kreativem Ausdruck rechtfertigen könnte.

Geblieben sind mir allerdings zwei Dinge: Geschichten erfinden und Informationen sammeln, aufbereiten und vermitteln. Diese beiden ziehen sich durch meine Vita wie ein roter Faden, das sehe ich erst, als ich meine Antworten aufschreibe.

Es geht aber nicht nur um das, was man gerne mag – gerade Abneigungen zeigen, wie gut wir es schon verstanden haben, unsere Werte in unsere Tätigkeit zu integrieren.

Welche Sinne haben wir bisher überwiegend eingesetzt, um das, was wir mögen, zu erfahren? Bei mir fällt die Antwort ganz eindeutig aus: die Augen. Was den Geschmack betrifft, so gestehe ich mir ein: Er ist mir vollkommen egal. Solange ich satt bin, ist es mir schnuppe, wie mein Essen schmeckt. Mag für einen echten Foodie brutal klingen. Macht mir aber das zuckerfreie Leben sehr einfach.

Ikigai Schritt #2: Was ich gut kann

  • Was mache ich gut?
  • Wo war ich bisher erfolgreich?
  • Was würde ich gerne können?

Bei den eigenen Vorlieben bleibt es aber nicht, es geht auch darum, was man schon gut kann und wo noch Potenziale Schlummern. Auch bei dieser Auflistung stelle ich fest: Das, was ich jeden Tag tue, entspricht ziemlich genau dem, was ich mag und was ich gut kann. Was noch unentfaltet blieb, schließt sich fast nahtlos daran an: Kommunikationsanalyse. Allerdings wäre das ein umfängliches Lernprojekt und da ich mich gerade mit neuen Formaten wie Video und Audio befasse, stelle ich es hinten an, ohne dass es mir sonderlich leidtut. Ich bin überzeugt, dass wenn ich meine kreative Video-Runde gedreht habe, ich mich damit befassen werde.

Es mag nicht jedem so leicht fallen, herauszuarbeiten, was man gut kann, deshalb habe ich dir hier eine Auflistung an Dingen zusammengestellt. Es spielt übrigens keine Rolle, ob es sich um Fähigkeiten oder Eigenschaften handelt.

  • Mit Zahlen umgehen/Lösungen ausrechnen
  • Schreiben
  • Pläne entwickeln
  • Emphatisch sein
  • Gestalten/mit den Händen arbeiten
  • Mit Menschen umgehen
  • Mit Tieren umgehen
  • Diskussionen führen/moderieren/Interviews führen
  • Logisch denken
  • Beobachten
  • Bewerten
  • Lesen/Vorlesen
  • Visuell darstellen
  • Fremdsprachen sprechen/übersetzen
  • Muster erkennen
  • Entscheidungen treffen
  • Problemlösungen erkennen
  • Informationen sammeln und verarbeiten
  • Details wahrnehmen
  • Organisieren von Menschen
  • Neue Ideen entwickeln
  • Fingerfertigkeit/ Auge-Hand-Koordination
  • Herstellen, produzieren, anfertigen, recyceln
  • Basteln, weben, nähen
  • Organisieren von Dingen
  • Wissen vermitteln/unterrrichten
  • Beraten
  • Menschen miteinander verbinden/netzwerken
  • Verkaufen
  • Verhandeln
  • Konflikte lösen/Vermitteln/Mediation
  • Gruppen leiten
  • Motivieren

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen und stellt nur eine Anregung dar.

Tipp: Hol dir Feedback von Freunden und Kollegen. Wofür wurdest du mal gelobt? Das kann dir einen wichtigen Hinweis darauf geben und deine Ikigai-Liste ergänzen.

Wichtig zum Schluss: Welche dieser Fähigkeiten oder Eigenschaften magst du? Ich kann zum Beispiel ziemlich gut nähen, aber ich mochte es nie. Es dauert einfach zu lange und ich bin zu ungeduldig, um es genießen zu können, an der Nähmaschine zu sitzen. Also lasse ich meine Fertigkeit außen vor und konzentriere mich weiterhin auf das, was mir Spaß macht: Geschichten erfinden, Informationen sammeln, aufbereiten und vermitteln.

Ikigai Schritt #3: Womit kann ich Geld verdienen?

  • Welche Fähigkeiten kannst du beruflich einsetzen?
  • Welche Berufe benötigen deine Fähigkeiten?

Wer glaubt, dass die Japaner nicht mit einer gehörigen Portion Lebenspragmatismus ausgestattet wären, der irrt sich. So, wie die Konmari-Methode nichts mit Esoterik zu tun hat, so wenig lebensfern ist Ikigai. Die meisten von uns müssen ihren Lebensunterhalt bestreiten und da kann der ein oder andere Lebenstraum schon mal an der Realität zerschellen. Nicht umsonst habe ich mich gegen eine Designkarriere entschieden. In Deutschland lässt sich damit kein oder nur sehr schwer Geld verdienen, Fast Fashion aus Fernost hat den Markt verdorben und braucht die Ressourcen unseres Planten auf. Zwei gute Gründe, keine Karriere als Modedesignerin einzuschlagen.

Wenn ich mir ansehe, was ich gerne mag, gut mache und womit man Geld verdienen kann, dann bin ich bei dem, was ich beruflich und in meiner Freizeit tue: Ich arbeite für ein Start-up als Kommunikationsmanagerin und habe dort tagtäglich mit Geschichte zu tun, sei es für die Presse oder für unsere Kunden. Nebenbei betreibe ich drei Webseiten und diverse Social-Media-Profile, davon eins sogar ehrenamtlich. Diese brauchen Geschichten und diese Geschichten müssen gefunden werden, also besteht ein großer Teil meiner Arbeit daraus, Informationen zu sammeln, aufzubereiten und zu vermitteln.

Damit wären wir dann schon beim vierten Schritt im Ikigai angekommen.

Ikigai Schritt #4: Was braucht die Welt?

  • Welche Bedarfe nimmst du wahr?
  • Welche Werte kannst du in einem Beruf umsetzen?
  • Womit kannst du einer größeren Gemeinschaft dienen?

An der Kunsthochschule hat man mir beigebracht: Es geht in deiner Arbeit nur um dich, es geht nur darum, was du denkst und es geht nur um deine Kollektion. Ist es da verwunderlich, wenn ich vom Glauben an die Mode abfalle? Wohl kaum, wenn man aus der Sicht des Ikigai darauf blickt und sich fragt: Wovon braucht es mehr in der Welt? Braucht es mehr Kleidung und Modedesigner? Wohl kaum.

Braucht es mehr gute Geschichten, die Informationen gut aufbereitet darbieten, damit Menschen ihre Lebensqualität verbessern können? Unbedingt. Ich fühle mich am Ende meiner vier Schritte überaus privilegiert und bestärkt. Hatte ich bisher Schwierigkeiten, meinen ungeraden Lebensweg zu rechtfertigen, erkenne ich jetzt das, was sich als roter Faden durch mein Leben zieht und auch in Zukunft ziehen wird. Ich sammle, verarbeite und vermittle Informationen in Form von leicht verständlichen Geschichten in unterschiedlichen Formaten: Text, Bild, Video, Ton. Meine visuelle Ausbildung befähigt mich dazu, eine eigene Ästhetik mit hohem Wiederkennungswert zu schaffen und stellt keinen Bruch dar, sondern einen Sollbruch, der mich von anderen positiv abhebt.

Ich bin am Ende meines Ikigai-Prozesses sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Hatte ich eine wilde Auseinandersetzung auf bunten Klebezetteln mit anschließender Identitätskrise erwartet, ist Ikigai genau das Gegenteil: In sich gekehrt finden sich die vier Elemente, die es zum nachhaltigen Lebensglück braucht leichter.

Motivation und Prokrastination aus Sicht des Ikigai

Was hat nun Ikiga mit Motivation und Prokrastination zu tun? Wie ich bereits ganz am Anfang dieses Artikel geschrieben habe, glaube ich nicht an Disziplin und Motivation. Woran ich stattdessen glaube: Wenn mein Tun mit meinen Interessen, Wissen und Werten übereinstimmt und dann noch einen größeren Zweck dient als meinem Ego, brauche ich keine Disziplin, um morgens aufzustehen. Ich brauche auch keine Pinnwand voller gut gemeinter Sprüche, um am Ball zu bleiben. Das nenne die einen Berufung, die anderen Flow, und in Japan heißt es eben Ikigai.

Sicherlich ist es dir häufig auch so ergangen, dass du dir etwas vorgenommen und dann kommst du ins Stocken? Du schiebst andere Dinge vor und du kannst es dir eigentlich nicht so richtig erklären, warum du nicht mehr an deiner Idee arbeitest. Prokrastination kennt wohl jeder, auch die Produktivsten unter uns. Manchmal ist ein wenig Aufschub auch kein Problem und von krankhafter Prokrastination will ich hier auch nicht reden. Sondern davon, warum es manche Ideen einfach nicht schaffen, Wirklichkeit zu werden.

Motivation und Produktivitäts-Hacks funktionieren nur temporär. Wenn du porkrastinierst, dann liegt es daran, dass deine Wünsche, dein Wissen und deine Werte nicht im Einklang stehen und wenn du keinen Erfolg hast mit deiner Idee, dann liegt es daran, dass alles Vorhergesagte nicht im Einklang steht mit dem, was die Welt braucht. Was ich über Motivation und Prokrastination lese, ist bisweilen oberflächlich oder stark egozentrisch motiviert. Denn in unsere westlichen Welt gilt Altruismus als Schwäche oder Makel. Worin sind wir aber häufig besonders gut? Darin etwas für andere zu tun. Die Gründe dafür sind individuell. Es zeigt sich darin aber doch der Wunsch, Teil einer größeren Idee zu sein.

Wie sich gezeigt hat, sollte man nach dem Ikigai sich aber nicht darin verlieren, ausschließlich der Gemeinschaft zu dienen. Es muss auch Geld rein kommen. Daran scheitern wohl die schönsten Ideen. Aus meiner Sicht sind genau diese beiden Schritte im Ikigai essentiell, wenn es um jegliche Art von Erfolg geht. Zu viel Konzentration auf die eigenen Wünsche und zu wenig Pragmatismus machen Lebensträume zunichte. Zu wenig Übereinstimmung mit Märkten führt ebenfalls nicht zum Ziel. Es gilt also, eine Balance zwischen allen vier Elementen zu finden.

Damit du dein Ikigai leichter herausfindest, habe ich dir hier eine Kurzanleitung zum Download bereitgestellt.

Viel Spaß beim Suchen und finden deines persönliche Ikigais und bis nächsten Mittwoch

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