Am 01. Februar 2018 entschloss ich mich zu einem Lifestyle-Experiment. Grund dafür waren eine Lebenskrise und vier Wochen intensiven Morgenseitenschreibens. Wo stehe ich zwei Jahre später? Lebe ich noch minimalistisch? Ist meine Wohnung wieder vollgestopft mit neuen Dingen? Bin ich immer noch ein „Dark Hoarder“ oder konnte die KonMari-Methode mir dabei helfen, das „Best of“ aller meiner Dinge herauszufiltern und so zu einer neuen Ordnung führen? Diese Fragen beantworte ich in diesem ausführlichen Erfahrungsbericht über die KonMari-Methode.

2568 zahlbare Dinge, 19 unzählbare Dinge und 31,3 GB habe ich bei meinem Lifestyle-Experiment entsorgt. Dieses lief vom 01.02.2018-31.07.2018. Die ersten Wochen habe ich bis zu zehn Stunden am Tag, in jeder freien Minute, aufgeräumt. 2568 klingt zunächst nicht viel. Hängt aber davon ab, ob man jede Büroklammer einzeln zählt, oder ein Päckchen Büroklammern als Eins. Ich habe die Dinge so gezählt, wie sie sich im Prozess dargestellt haben. Manchmal als eine einzelne Büroklammer, manchmal als ein Päckchen.

Die meisten brauchbaren Dinge wanderten zu Freunden oder in den Hausflur, denn in Berlin ist es üblich, Dinge, die noch in Ordnung sind, dort für die Nachbarn abzulegen. Wenn sich innerhalb von zwei Tagen kein neuer Besitzer findet, entsorgt man die Dinge eben anders. Kommt aber meiner Erfahrung nach eher selten vor. Meine Dinge waren immer schnell vergriffen.

Was habe ich von der KonMari-Methode beibehalten?

Die KonMari-Methode macht ein großes Versprechen: Man muss nur ein einziges Mal im Leben richtig aufräumen, danach nie wieder. Das ist natürlich ganz schön hochgegriffen, könnte man meinen. Man muss doch ständig aufräumen, weil immer etwas herumliegt – weil man das so gewöhnt ist. Mit KonMari ändert sich alles, unter der Voraussetzung, dass man die Methode richtig anwendet. Seit meinem Großen Aufräumen habe ich tatsächlich nie länger als eine halbe Stunde gebraucht, um meine Wohnung in Ordnung zu bringen. Ich räume auch nicht täglich auf. Vielleicht ein bis zwei Mal im Monat. Das war`s. Das Versprechen, das die KonMari-Methode gibt, löst sie ein, wenn gewisse Bedingungen erfüllt sind.

Der Grund für meinen Erfolg ist, dass ich meinen Besitz auf eine Größe reduziert hatte, die ich bewältigen konnte. Ich habe seitdem nicht mehr zu viel. Dadurch hat jedes Objekt einen Platz, an den es sich wie von selbst sortiert. Kein stapeln oder herumsortieren ist seitdem notwendig geworden. Die Dinge haben ein Zuhause. Damit die Dinge ein Zuhause bekommen, muss man sich an die Kategorisierung der KonMari-Methode halten. Also alle Bücher an einem Ort, alle Papiere an einem Ort, alle elektronischen Komono an einem Ort und so weiter.

Richtig falten: Das Herzstück der KonMari-Methode

Eines der Herzstücke der KonMari-Methode ist das Falten von Kleidung. Oder allen Textilien. Ich habe mein Stofflager damit endlich in Ordnung gebracht. Seitdem ruhen die Stoffe artig in zwei Kisten in meinem Schrank, bis ich mich dazu entschließe, sie zu verarbeiten. Meine Handtücher, Geschirrtücher, Socken, Unterwäsche, Einkaufstaschen und Bettwäsche sind wie Hängeordner in einem Ablagesystem aufgereiht. Ein Blick, ein Griff, und nur das, was ich herausnehmen will, verlässt die Ordnung. Alle anderen Dinge bleiben wohlsortiert in der Lade stehen. Die wirksamste Methode, um Unordnung in den Schubladen zu verhindern, ohne ständig aufräumen zu müssen.

Am auffälligsten ist es bei Kleidung und zwar bei den Sachen, die in Schubladen aufbewahrt werden. Jeder kennt das: Du ziehst das T-Shirt aus dem Stapel und schon ist dieser zuvor schön drapierte Stapel zunichte gemacht. Weil du ihn gerade erst sortiert hast, machst du die Schublade zu – sollen die T-Shirts sich doch gefälligst von alleine sortieren. Das hältst du solange durch, bis es dir wieder zu bunt wird und dann verbringst du wieder Zeit damit, deine T-Shirts zu stapeln. Ein ewiger Kreislauf, der doch wirklich niemandem Spaß machen kann, noch nicht einmal dem größten Aufräum-Fanatiker.

Wie Marie Kondo selbst sagt, so eignet sich das Stapeln nur für das Display in Modeläden. Wobei ich mich auch frage, ob es sich dort nicht auch lohnen würde, anders zu sortieren. Für den persönlichen Lebensraum ist diese Methode denkbar ungeeignet, und dennoch lernen wir alle zu Hause, so unsere T-Shirts hinzulegen. Als ob wir unsere Dinge der gestapelten Reihenfolge nach tragen würden.

Seitdem ich die Faltmethode nach KonMari gelernt habe, falte ich alles, was ich falten kann. Auch wenn ich verreise, wandern meine Klamotten so gefaltet in den Koffer. Nach der Reise wandern sie – wenn nicht in die Wäsche – genauso wieder in ihr Zuhause. Das Auspacken und Verräumen erledige ich in weniger als einer Viertelstunde.

KonMari beim Einkaufen

Auch auf mein Einkaufsverhalten hat sich die KonMari-Methode ausgewirkt, wenn auch noch nicht in dem Ausmaß, wie ich es mir wünschen würde. Ich kaufe immer noch Stoffe auf Vorrat, obwohl ich kein konkretes Projekt habe. Dadurch entsteht wieder Stress, denn die Dinge wollen ja verarbeitet werden. Ich bin also selbst Schuld an meinem Stress.

Was ich wieder eingeführt habe, ist das Anlegen von Vorräten, wenn auch in sehr kleinem Umfang. Aber ich kaufe nicht mehr, „was man da haben sollte“, sondern was ich mag. Sind ja meine Vorräte. Ich habe auch leider immer noch die Tendenz, manche Dinge zu behalten, die eigentlich nicht mehr in Gebrauch sind. Davon werde ich vorerst nicht loskommen. Wie unbezahlte Rechnungen stehen sie da und erinnern mich daran, dass ich damit etwas anfangen wollte.

Was ist das Schwere an der KonMari-Methode?

Das Aussortieren ist anstrengend. Wir haben nur eine begrenzte Kapazität für Entscheidungen. Nicht umsonst trägt Mark Zuckerberg jeden Tag dasselbe Outfit. Er will seine Entscheidungsfähigkeit nicht mit unwichtigen Dingen vergeuden. Davon könnten wir uns alle eine Scheibe abschneiden.

Das Entsorgen ist der Teil, der am kräftezehrendsten ist. Besonders, wenn man wie ich kein Auto besitzt. Ich bin mehrere Male mit den Öfis zur BSR gefahren, um endlich Raum für weiteres Aussortieren zu schaffen und weil der Termin für den Sperrmüll noch zu lange auf sich warten ließ. Das war über die Maßen anstrengend, aber leider unvermeidbar.

Was ist post-KonMari meine Achilles-Ferse beim Aufräumen?

Es gibt immer noch eine Kategorie, die mir nach wie vor Schwierigkeiten bereitet, große Schwierigkeiten sogar: Papier. Papier ist ein wunderbares Material und ein überaus wichtiger Datenträger. Mein Morgen beginnt mit Papier: Jeden Morgen schreibe ich drei Seiten mit der Hand. Diese wandern ohne gelesen zu werden ins Altpapier. Es gibt dafür keine Alternative. Auf dem Laptop zu schreiben ist wesentlich schlechter für die Umwelt und es regt das Gehirn auch nicht so sehr an. Mein Tag endet mit meiner täglichen Zeichnung, die ich abends im Bett anfertige. Dazwischen bin ich im Büro und mache mir Notizen auf Zettel, Probedrucke für Prints, schreibe mir einen Einkaufszettel. Aber am schlimmsten sind die vielen Ideen, die ich den ganzen Tag über habe. Papier ist mein Ideenkescher, mit dem ich Gedankenfetzen einfange und versuche für später zu konservieren. Gerade wenn ich eine Idee für eine meiner Seiten habe, kommt immer wieder Papier zum Einsatz. Papier ist für mich nicht zu ersetzen.

Ich lebe meinen Sammeltrieb überwiegend dadurch aus, dass ich meine Ideen sammle. Hinzu kommt, dass ich gerade Programmieren lerne, was für mich nicht gerade einfach ist. Deshalb unterstütze ich mein Lernen durch das Aufschreiben von Informationen. Diese werden anschließend in einer digitalen Anwendung dauerhaft abgelegt, aber der Weg dahin führt für mich eben über das Papier. Und so liegen gerade vier Schreib- und Zeichenblöcke auf meinem Nachttisch (da ich beruflich viel lese, lese ich privat eher ungern, und wenn, dann nur Sachbücher). Ich verspüre immer noch Angst, dass ich eine meiner großartigen Geschichten vergessen könnte, deshalb schreibe ich alles nieder, was sich mir bietet und bin immer unter Zeitdruck, weil die Ideen bei mir aus dem Boden schießen wie Pilze. Dieses Problem kann auch KonMari nicht lösen. Was ich dagegen tue ist einmal im Jahr alles Papier zusammen auf einem Stapel sammeln und mich wie während des Großen Aufräumens Stück für Stück durchzuarbeiten. Jedes Papier in die Hand zu nehmen und mich zu fragen: Sparkt das noch Joy oder kann das weg?

KonMari: Erwartung vs. Realität

Ich kann die KonMari-Methode wärmstens empfehlen, allerdings mit Einschränkungen. Denn die Voraussetzung, dass sie dauerhaft funktioniert ist eben die, dass man sie genauso anwendet wie beschrieben. Man geht nach den fünf Kategorien (Kleidung, Bücher, Papier, Komono, Erinnerungsstücke) vor, man sammelt alle Dinge einer Kategorie an einem Ort auf ein Mal zusammen und geht jedes Ding einzeln durch. Diese einfache, aber strenge Struktur bewirkt eine intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Besitz, der nach Marie Kondo die Vergangenheit repräsentiert. Ohne diesen „heilsamen Schock“ kann man keine Wunder erwarten.

Das eigentliche Wunder geschah bei mir in den Aufräumpausen. Um motiviert zu bleiben, sah ich mir Videos auf YouTube zum Thema Minimalismus an. Der Algorithmus schlug mir immer wieder Videos zum Thema Zucker/zuckerfrei vor. Zuerst fand ich das sehr unpassend und ignorierte die Vorschläge. Mit alternativer Ernährung hatte ich nach dem vorzeitigen Tod einer Bekannten, die Heilpraktikerin war und sich vegan, glutenfrei und aus konventioneller Sicht überaus gesund ernährte, abgeschlossen und wollte nichts mehr davon hören. Früher oder später stirbt eh jeder, und anscheinend bringen Obst und Gemüse ja doch nicht so viel.

Nach drei Monaten intensiven Aufräumens hatte ich mich so freigeschaufelt, dass ich mir dann doch ein Video ansah. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Denn wie sich herausstellt, war ich seit Jahren falsch diagnostiziert und auch falsch behandelt worden. Das hatte meine Gesundheit ruiniert, sodass ich mit Mitte 30 nicht mehr richtig laufen konnte und mein Leben zwischen Büro und Couch stattfand. Das einzige, was ich tun musste, war Zucker aus meiner Ernährung zu verbannen. Innerhalb von 14 Monaten verlor ich drei Kleidergrößen und laufe seitdem schmerzfrei. Eine ausführlichere Version der Geschichte kann ich an dieser Stelle nicht erzählen. Aber alles läuft darauf zurück, dass ich angefangen habe zu schreiben, dann begann aufzuräumen und dieses Aufräumen sich ausweitete auf alle anderen Lebensbereiche, um schließlich zum Kern meiner Probleme vorzudringen.

Klingt zu hoch gegriffen? Probier` es selbst aus. Richtig praktiziert kann die KonMari-Methode dort ansetzen, wo andere Methoden versagen. Wenn man sein Zuhause als Ausdruck oder Erweiterung seiner Selbst versteht. Das wird allerdings die Mehrheit sein.

Ich habe noch weitere Methoden angewendet, um meinen Besitz auf ein erträgliches Maß zu bringen. Alle Artikel dazu findest du hier.

Du fühlst dich noch nicht bereit dazu? Dann mach mein 21-Schritte-Programm für Minimalisten, die sich noch nicht bereit fühlen.

Was ist Ikigai? Wie kann es uns dabei helfen, das Leben sinnvoll zu gestalten? Hier erkläre ich es dir.

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